Samstag, 18. November 2017

Die Schlange, die sich reiten lässt

Am Ufer eines Teiches in der Nähe einer Einsiedelei lag völlig regungslos eine alte Schlange, der es schwer fiel, Frösche zu erhaschen. Da kamen die Frösche bis auf respektvolle Entfernung heran und fragten; »Sag, warum frißest du uns nicht mehr wie sonst?« Die Schlange antwortete; »Ich kroch einem Frosche nach und biß in der Verwirrung einen Brahmanensohn in den Daumen. Er starb daran, und der Fluch seines Vater hat mich nun zum Reittier der Frösche bestimmt. Wie kann ich euch also fressen? Im Gegenteil, ich führe euch spazieren.« Als der Froschkönig dies gehört hatte, stieg er aus dem Wasser, denn er hätte gar zu gern das Reiten versucht; furchtlos kletterte er der Schlange auf den Rücken und war ganz außer sich vor Freude. Die Lust am Reiten machte ihn und seine Genossen ganz vertraulich. Eines Tages aber stellte sich die Schlange schwach und sagte heuchlerisch; »Ohne Nahrung, o König, kann ich nicht weiter geh’n; deshalb verschaff mir Speise! Wie kann ein Diener ohne Kost besteh’n?« Der Froschkönig, der ganz vernarrt ins Reiten war, versetzte drauf: »Nun, so friß eine bemessene Zahl von meinem Gefolge!« So fraß die Schlange nach und nach die Frösche nach Belieben auf, und der König, stolz umherreitend, merkte nichts und ließ es geschehen.

Indische Erzählungen
Aus dem Sanskrit zum erstenmal ins Deutsche übertragen
von Dr. Hans Schacht
Lausanne und Leipzig, 1918

Montag, 13. November 2017

Die Wunderharfe

Auf zwei hohen Bergen lebten einst in grauer Vorzeit zwei Eremiten (Yathay), die das Abkommen getroffen hatten, sich Lichter zu zeigen, um sich gegenseitig Kunde von ihrem Leben zu geben. Eines Nachts konnte der eine Eremit kein Licht auf dem andern Berge bemerken, und er schloß daraus, daß sein Freund das Zeitliche gesegnet habe und in den Stand der Dämonen (Nats) übergegangen sei. Bald darauf erhielt er auch einen Besuch von dessen Gespenst, und da er sich über die wilden Elephanten beklagte, welche ihn vielfach belästigten, eine Harfe zum Geschenk, durch deren Spielen er je nach der Melodie die Elephanten herbeiziehen oder vertreiben könne.

Eines Tages hörte er in der Wildniß das Gejammer eines Kindes, und als er darauf zuging, fand er, trostlos auf einem Baume sitzend, eine Königin mit einem Säugling im Arme. Sich im Hofe ihres Palastes sonnend, war sie durch den herbeischwirrenden Riesenvogel aufgepackt und aus dem Kreise ihrer jammernden Ehrendamen fortgeführt worden, um ihm in seinem Neste zur Speise zu dienen.

Der Eremit verbarg sie in seiner Einsiedelei und vermählte sich mit ihr; den königlichen Sohn, Oudinath, adoptirte er, mit der Wunderharfe ihn beschenkend. Einst im Dunkel der Nacht sah der Eremit einen der glänzendsten Sterne am Himmel sich plötzlich verdüstern und erkannte daraus, daß der große König, der Oudinath seinen Ursprung gegeben, sein Leben geendet habe, und der Sohn, davon hörend, beschließt in sein väterliches Reich zurückzukehren. Auf hohem Elephanten thronend, begleitet von den sämmtlichen Elephanten des Waldes, langt er vor den Thoren der Hauptstadt an, die er verschlossen findet, und das ganze Volk in Trauer, da dem Lande ein Herrscher fehlt. Durch die Wahrzeichen eines Ringes und Gürtels, welche seine Mutter ihm mitgegeben, wurde er als der Erbprinz erkannt und von den Edelleuten auf den Thron gehoben.

Zu jener Zeit erfüllte die Tochter eines Pana (Brahmanen) mit dem Rufe ihrer Schönheit die Reiche der Erde, und aus allen Gegenden strömten Bewerber um ihre Hand herbei, aber Niemand fand Gnade vor ihren Augen. Der Vater begegnete einst Myatzoa-Phaya (Buddha), und überwältigt von dem göttlichen Glanz seiner Herrlichkeit, dachte er in ihm einen passenden Schwiegersohn zu finden. Er bat ihn, in einem Hause zu warten, da er seine Tochter herbeibringen wollte, aber als er zurückkam, war sein Gast fortgegangen und hatte nur den Abdruck seines Fußes zurückgelassen. Die in der Kenntniß der Beden (Vedas) wohl unterrichtete Tochter erkannte aus den Figuren, daß es die Fußsohle des Gottes sei, und wurde von unbezwinglicher Sehnsucht ergriffen, sich ihm zu vermählen. Seinen Spuren nachgehend, holte sie Myatzoa-Phaya ein, dieser aber wies ihre Liebe zurück, da er auf dem Wege nach Baranasi (Benares) war, um dort den Thron zu besteigen, und Überfluß an Frauen ihn schon erwartete. Die verschmähte Schöne traf im Walde mit Oudinath zusammen, und jetzt weniger wählerisch geworden, erlaubte sie ihm, sie als seine Königin sich zur Seite zu setzen.

Nun geschah es, daß ein benachbarter König, der Oudinaths Zauberinstrument zu besitzen suchte, auf eine List sann, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er läßt die große Figur eines weißen Elephanten aus Holz verfertigen und mit Soldaten gefüllt in den Wald stellen. Als Jäger an Oudinath berichten, ein Thier höchster Vollkommenheit gesehen zu haben, zieht dieser aus, um dasselbe zu fangen. Aber zum ersten Male versagen die Töne der Harfe ihren Dienst. Statt zu folgen entfernt sich der Elephant, und Oudinath, überrascht und verwundert, verfolgt ihn so eifrig auf seinem Pferde, daß er bald von seinem Jagdgefolge getrennt ist. An einer versteckten Stelle des Waldes springen die Soldaten aus dem Bauche des Elephanten hervor und führen Oudinath als Gefangenen zum König. Dieser verlangt die Mittheilung seiner magischen Geheimnisse, kann aber die hartnäckige Verschwiegenheit Oudinaths nicht besiegen, da selbst Todesandrohungen fruchtlos, blieben. Zuletzt erbietet er sich, als Bedingung der Freiheit, ein Sklavenmädchen darin zu unterrichten; der König aber substituirt seine eigene Tochter, die er hinter einen Vorhang stellt und ihr sagt, daß sie von einem weisen Manne unterrichtet werden würde, der aber körperlich ein abschreckendes Scheusal und aussätzig sei. Als während des Unterrichtes Oudinath sie ausschilt, weil sie nicht rascher begreife, schmäht sie auf ihn als einen Aussätzigen zurück. In der Lebhaftigkeit des Zankes wird der Vorhang beiseite geschoben, Beide erblicken sich und verlieben sich sterblich in einander aus Wahlverwandtschaft, da sie schon in einer frühern Existenz Gatte und Gattin gewesen. Sie entwerfen einen Plan und theilen dem Könige mit, daß zur Ausführung der Zauberceremonien Blätter eines fremden Baumes nöthig seien. Darnach ausgeschickt, entläuft die Prinzessin, welche die Wachen des Gefangenen fortgesendet hat, mit ihm nach seinem Reich, und sie wurde ihm als die erste Königin vermählt. Die dadurch eifersüchtige Brahmanin benützt eine Abwesenheit des Königs, um eine zwischen Blumen versteckte Schlange auf den Thron zu stellen und die Königin des Verraths zu beschuldigen. Die Minister, welche die hervorzüngelnde Schlange sehen, erkennen sie für schuldig, und die Brahmanin, der sie zur Hut übergeben ist, verbrennt sie in einem durch Teppiche verhängten Hofe des Palastes.

Als der König bei seiner Rückkehr davon hörte und den Zusammenhang der Sache erfuhr, gerieth er in den größten Zorn. Er läßt das ganze Geschlecht der Pona herbeiholen, sie auf einem Felde eingraben und dann ihre Köpfe abpflügen. Für die Ponatochter selbst aber wird die grausamste Strafe ausgesonnen. In dem obersten Gemache des Palastes eingeschlossen, wird ihr jeden Tag ein kleines Stück ihres Fleisches abgeschnitten, vor ihren Augen in ein Ragout gemischt und ihr zum Essen eingezwängt, um die Pein zu verlängern; aber während dieser ganzen Zeit betet die Ponatochter täglich zu Myatzoa-Phaya, den sie durch ein kleines Loch aus dem Dache ihres Gefängnisses über sich am Firmament umherwandeln sieht. Daß die Ponatochter, obwohl sie so eifrig Myatzoa-Phaya verehrte, diese schmerzliche Strafe ausdulden mußte, war die Folge einer in früherer Existenz begangenen Sünde. Als sie einst aus dem Bade hervorkam, und der Tag etwas kühl war, machte sie sich Feuer an im Walde. Durch die zurückgebliebenen Kohlen entstand nach ihrem Fortgehen ein Waldbrand, und ein heiliger Rochanda, der, in Meditation versunken, im Walde saß, wäre fast verbrannt, wenn er nicht, durch die Fähigkeit zu fliegen, in die Höhe gestiegen und entkommen wäre.Di

Bastian, Adolf
Erzählungen und Fabeln aus Hinterindien
In: Globus, Juli 1866, S. 82-83

Sonntag, 6. August 2017

Großmuth eines wilden Indianers

Ein wilder Indianer, welcher sich auf der Jagd verirrt hatte, wendete sich zu einem englischen Kolonisten, den er vor seiner Hausthüre antraf. Er bath den Kolonisten zuerst um ein Stück Brod, und da er dieses von ihm nicht erhalten konnte, ersuchte er ihn um einen Trunk Bier oder Wasser. Allein der gesittete Kolonist schlug ihm beydes ab, und schalt ihn noch dazu einen indianischen Hund mit dem Zusatz: was er sich unterstehe, einen Mann wie er wäre, zu beunruhigen? – Einige Monate darnach kam der Kolonist in eben denselben Fall, worin der Indianer vorher gewesen war, da er mit seinen Freunden auf die Jagd ging, und sich verirrte. Er sah sich also genöthigt, einen Wilden, welchem er begegnete, um Beystand anzuflehen und zu bitten, ihm den Weg nach seinem Hause zu zeigen. Der Wilde sagte ihm: es sey zu spät, dahin zurückzukehren, und lud ihn ein, mit ihm nach seiner Hütte zu kommen. Der Kolonist nahm die Einladung an, und als er in der Hütte des Wilden angekommen war, setzte ihm dieser sogleich Wildpret und einige Erfrischungen vor, und bereitete ihm eine Haut, um darauf zu schlafen. Beym Anbruch des Tages unterließ der Indianer nicht, seinen Gast nach Hause zu begleiten. Als er ihn nun nach Haus gebracht, fragte er den Kolonisten: ob er sich nicht erinnern könne, ihn schon einmal gesehen zu haben? – Der Kolonist betrachtete auf diese Frage den Wilden etwas genauer, und erkannte in demselben eben den Indianer, dem er vor einiger Zeit Brod und Wasser abgeschlagen hatte. Mit großer Beschämung erkannte und bekannte er aber auch sein damaliges schlechtes Betragen. – Der Indianer machte ihm aber weiter keine Vorwürfe deßwegen, sondern wünschtr ihm alles Wohlergehen, und ging weg.

Gold und Silber
dargebracht in kleinen
Erzählungen, Anekdoten, Gedichten und Fabeln
für Knaben und Mädchen
von guter Erziehung
Herausgegeben von J. Ch. Birnbach
Wien, 1824

Freitag, 30. Juni 2017

Der Affe und der Geizige

Einst hielt ein Geiziger sich einen Affen.
Ein Geizhals seyn, und den sich anzuschaffen,
Das scheint dir sonderbar; allein bedenke doch:
Gesellschaft kostet Geld, und Menschen können stehlen.
Auch hat ein Affe die Tugend noch:
Sein Herr darf nicht vor ihm verhehlen;
Er darf vor seinen Augen zählen,
Kein Mensch erfährts, er stört ihn nie darin,
Kurz die Gesellschaft war nach unsers Kaspar Sinn.

Der Glockenschlag rief einst den Mann zur Kirche hin;
Denn durch sein Fasten, Bethen, Singen
Dacht' er dem Himmel noch mehr Gaben abzuzwingen;
Da ließ er in der Eil den Schreibpult offen stehen,
Wo ihn sein Äff, im Gold oft hatte wühlen sehn.
Der Affe, der den Haufen Gold erblicket,
Und den die lange Weile drücket,
Sinnt sich gar bald ein Spielchen aus.
Er fängt ein Goldstück an hervorzulangen,
Und zielt, und wirft es durch die Fensterstangen.
Er wiederholt sein Spiel. Man sammelt sich ums Haus,
Man ruft: "Wirf auch ein Stück, mein Plätzchen!" fängt und springt,
Und wem mit Hund und Hand ein Fang gelingt,
Dem jagte ein andrer wieder ab.

Indem der Affe noch dies Schauspiel gab,
Kam unser Harpat, – »Was ist hier zu sehn!
worüber lacht man dann? - O wehe mir!
Mein schönes Geld! Verfluchter Räuber dir
Will ich den Kopf vom Rümpfe drehen,
Das Eingeweide will ich dir
Aus deinem Leibe reißen" – – "Mäßigt eure Hitze"
Sprach hier ein Greis; "das Geld ist euch so wenig nütze,
Als ihm. Er wirft es weg; Ihr sperrt es ein,
Wer mag von euch der Klügste seyn?"

Vaterländische Unterhaltungen
Ein belehrendes und unterhaltendes Lesebuch zur
Bildung des Verstandes, Veredlung des Herzens,
Beförderung der Vaterlandsliebe und gemeinnütziger Kenntnisse
für die Jugend Österreichs
von Leopold Chimani
Vierter Teil
Wien 1815, Im Verlage bey Anton Doll

Mittwoch, 21. Juni 2017

Die Krähe und der Fuchs

Die Heumacher hatten auf der Wiese eine Heugabel aufrecht in den Boden gesteckt vergessen.

Es kam der Frühling. Eine Krähe fand die Gabel und baute zwischen deren Zinken ihr Nest. Der Fuchs sah es und dachte nach, wie er die Krähenjungen aus dem Nest herauskriegen könne. Er begann, der Krähe Furcht einzujagen: »Das ist meine Gabel. Gib mir ein Kind aus dem Neste heraus. Gibst du es nicht, so hau ich die Gabelstange nieder!«

Die Krähe gab aber das Kind nicht her. Da ging der Fuchs unters Nest und schlug mit dem Schwanz an die Gabelstange. Die Krähe sah das und dachte: »Jetzt haut der Fuchs die Stange nieder und brennt sie mit Feuer!« Sie nahm ein Kind und warf es dem Fuchse hinunter. Auf diese Weise lockte ihr der Fuchs drei Kinder ab.

Endlich merkte die Krähe den Betrug und gab ihm keine Kinder mehr. Der Fuchs beschloß, die Krähe dafür umzubringen. Er legte sich in der Nähe des Krähennestes nieder und stellte sich tot. Auf solche Weise lag der Fuchs zwei Wochen lang an ein und derselben Stelle hingestreckt, so daß ihm auf der einen Seite schon die Haare ausgingen.

Jetzt erst kam die Krähe, um dem Fuchse die Augen auszuhacken. Da sprang der Fuchs vom Boden auf und zerriß die Krähe.

August von Löwis of Menar
Finnische und estnische Volksmärchen
Jena, 1922

Freitag, 19. Mai 2017

Der arme Taglöhner und der Tod


Ein armer Taglöhner schleppte sich die Tage seines Lebens jämmerlich fort, und doch legte er achtzig Jahre zurücke. Was er sich immer seufzend wünschte, war nichts anderes als: Lieber Tod, komm doch endlich einmal!
– Erlöse mich doc h endlich, lieber Tod!
Der Tod erhörte ihn, und kam.
Der Taglöhner erschrack, und bath: nur drey Jahre noch, lieber Tod! – – lieber Tod, nur drey Jahre noch.
Nach dreyen Jahren kam der Tod wieder, und der arme Taglöhne bath wiederum um drey Jahre.
Je nun, sagte endlich der Tod. Ihr Menschen rufet mich, wenn ihr mich nicht sehet, und wenn ich komme, so fürchtet ihr mich. Ich will euch hinfür von ohngefähr überfallen.
Von dieser Stunde an sterben die Menschen, wenn sie es am mindesten vermuthen.

Heinrich Braun
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Johann Nepomu, Fritz
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Montag, 15. Mai 2017

Der Wanderer und der Tiger

Einst ging ich im Dakschinawald,
Da sah ich einen Tiger bald
Der, gebadet, mit Kusagras in der Hand
Lauernd sass an des heiligen Teiches Rand.
»He da, ihr Wandrer! rief er laut,
»Wer will dies goldne Armband, schaut!«
Die Rede vernehmend, von Furcht bestrickt,
Sich mancher schnell von der Seite drückt.
Doch von der Habgier angefacht
Ein Wandrer also bei sich dacht’:
»Hätt’ ich’s, es wär’ ein Glück, fürwahr, –
»Und doch – was soll ich in  die Gefahr
»Mich blindlings stürzen?… Wie heisst es doch?
»Erwünschtes bei Verwünschten sehn und holen ist nicht angenehm;
»So ist ja selbst gemischt mit Gift der Göttertrank ein tödtlich Gift.
»Doch beim Erwerb ist auf der Welt
»Auch überall Gefahr bestellt:
»Der die Gefahr nicht wagt, der Mann erschaut im Leben nie das Glück,
»Doch wagt er die Gefahr und bleibt am Leben, schaut er auch das Glück.
»So will ich’s wagen!« Drauf sprach er keck:
»Wo ist denn nun dein Armbesteck?«
Der streckt die Tatze aus und lässt’s ihn schaun. –
Der Wandrer spricht: »wie mach’ ich’s nur
»Dir, dem leibhaft’gen Tode, zu vertraun?«
Der Tiger spricht: »o Wandrer, höre nur!
Vordem, im Jugendalter, war
Ich überschlimm, das ist schon wahr;
Doch bei all dem Morden von Menschen und Thieren
Must’ ich Kinder und Weib durch den Tod verlieren,
Und wurde der ganzen Familie beraubt.
Da trat mich einer mit der Mahnung an:
»Gieb Armen und fang frommen Wandel an!«
Auf seinen Rath nun bin ich alter Gauch,
Zahnlos und klauelos, ergeben frommem Brauch.
Wie sollte mir man nicht vertrauen! Ei,
Ich bin so sehr von aller Habgier frei,
Dass ich dies goldne Band in meiner Hand
Dem Ersten, Besten wünsche zu verehren.
Du bist sehr arm. Ich will es dir bescheeren.
Hast du nur erst in diesem Teich gebadet,
Dann nimm das goldne Armband unbeschadet!«
Sobald nun der nach jenem Wort vergnügt
Mit Gier zum Bad sich nach dem Teich verfügt,
Da sank er plötzlich tief bis an den Rumpf,
Unfähig zu entfliehen, ein im Sumpf –
Den in dem Sumpf versunk’nen sah
Der Tiger nun und sprach: »haha!
»Du sinkst wohl gar im Sumpfe ein!
»Nun wart’, ich will dich gleich befrein.« –
Nachdem der Tiger so gesprochen,
Kommt langsam er herangekrochen
Und dinget auf den Wandrer ein.
Dem fällt der weise Spruch noch ein:

Nicht des Gesetzbuchs Kunde nützet, dies ist
Ganz klar, auch nicht die heil’ge Schrift dem Bösen; –
So fest gewurzelt ist ein Eigenwesen
Wie von Natur die Milch der Kühe süss ist.

So hab’ auch ich nicht wohl gethan
Dem Mordthier mich so fromm zu nah’n…
Noch bedacht’ er so, da ward er schon zerfleischt
Und von dem Tiger alsobald verspeist.

Ausgewählte Fabeln
des Hitopadesa,
im Urtexte nebst metrischer deutscher Uebersetzung
von
August Boltz
Offenbach a.M. 1868

Montag, 8. Mai 2017

Die Fabel von der Zecke

Gib mir dein Blut, sagte die Zecke und biss sich in den Igel. Dem war das unangenehm, aber er kam nicht an den Blutsauger heran. Seine eigenen Stacheln verhinderten dies. Als sie vollgesogen war, ließ sich die Zecke erleichtert fallen, um gleich darauf von einem Raben aufgepickt zu werden. Igel und Rabe freuten sich beide; der eine, weil er die Zecke los war, der andere, weil er sie hatte.

Horst-Dieter Radke

Freitag, 28. April 2017

Zeus und der Esel

Bist du mit deinem Stande zufrieden, sagte Zeus zu dem Esel.

Immer zufrieden, antwortete der Esel, immer will ich gerne ein Esel seyn, laß mir nur die Gabe der Unwissenheit bey meinem Stande, damit ich es nicht weiß, daß ich ein Esel bin.

Heinrich Brauns
Versuch in prosaischen Fabeln und Erzählungen
München 1772
zu finden bey Joahnn Nepomuk Fritz,
und Augspurg bey Iganz Anton Wagner,
Buchhändlern.

Mittwoch, 19. April 2017

Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel

Ein Mann besaß einen Wolfsgürtel, d.h. er hatte die Fähigkeit, sich in einen Wolf (Wehrwolf) zu verwandeln. Einst veranstalteten die Jäger eine Fuchsjagd und hatten ein todtes Pferd als Köder für den Fuchs in den Wald gelegt. Der Wehrwolf begab sich dahin und fraß von dem Pferde. Dabei wurde er von den Jägern überrascht und angeschossen. Er entfloh, und als man in das Haus des Mannes trat, der im Verdacht stand, ein Wehrwolf zu sein, fand man ihn im Bette mit der Schußwunde.

Karl Bartsch
Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2
Band 1
Wien 1879/80

Sonntag, 16. April 2017

Wie das Schaf den Wolf fängt

Vor langer Zeit, als die Gegend bei dem Dorfe Eichel am Main noch mit Wald bedeckt war, kam ein Mann mit einem Schafe zu der Wallfahrtskapelle »Maria zur Eiche«. Er band das Schaf an die Kirchentür und ging hinein, sein gebet zu verrichten. Mittlerweile kam aus dem Wald ein Wolf, um das Schaf zu rauben. Dieses riß sich aber los und sprang in die Kirche, der Wolf ihm nach. Da lief das Schaf zur Tür zurück, faßte mit dem Maul den Strick, der an der Tür hängen geblieben war und riß die Tür zu. Der Wolf war nun eingesperrt und wurde getötet.

Karl Hofmann

Dienstag, 11. April 2017

Der Basilisk zu Memmingen

Melchior Lorck: "Basilischus" (Basilisk), Radierung 42 x 62 mm, aus dem Jahr 1548
Bildquelle: Wikimedia

An ama Haus henter'm Engel z'Memmenga sieht mã an geala Basilischka mit era fuirothe Zonga. – Dau haut mã amaul d'Magd in Keller na g'schickt und haut g'wahtet und g'wahtet, aber s'ischt koĩ Magd meh rauf komma. Do haut mã eppen andersch na g'schickt, aber s'ischt wieder nemad rauf komma, denn sobald's der Basilischk angucket haut send se g'schtorba. Am End gaut oiner her, nemmt an Schpiegel und laut da Basilischka neĩ gucka, und sobald se der sell drenn g'sẽ a haut, ischt er uf der Schtell verreckt. –
Wenn a Gockeler reacht alt wird, so legt er an Oi, bruatets aus, und us dem wird denn a Basilischk.

Alexander Schöppner
Sagenbuch der Bayer. Lande
München 1852–1853